Der Wacholder (Juniperus communis L.)

Baum des Jahres 2002

Obwohl der „Gemeine Wacholder“  zu den am weitesten verbreiteten Nadelgehölzen auf der Erde gehört, muss man schon bis in die Eifel fahren, um einen Eindruck von der Eigenart und Schönheit dieser vom „Kuratorium Baum des Jahres“ erwählten „Zypresse des Nordens“ zu bekommen.

Aufgrund seiner Fähigkeit, tiefe Winterkälte zu ertragen und seiner geringen Ansprüche an den Boden kann der Wacholder überall wachsen, für ein häufigeres Vorkommen braucht er jedoch sehr offene Landschaften wie etwa bewaldete Heidegebiete. Hier schützt er andere Gehölze, die unter seinen im Alter auseinanderfallenden Kronen wachsen, vor Verbiss.

Neben seinen extrem vielgestaltigen Wuchsformen - je nach Standort vom aufrecht stehenden Baum bis zum niederliegenden Gehölz - weist er auch bei der Nadelstellung, der Knospenbildung und vor allem der Zapfenform Besonderheiten auf. Schaut man genau hin, erkennt man, dass die bis zu 2 cm langen, äusserst stechenden Nadeln, die zu dritt im Quirl stehen, einem Stern ähneln. Sie sind graugrün gefärbt und haben feine weisse Streifen, an deren Rändern winzige Öffnungen zum Gasaustausch zu finden sind. Knospen sucht man vergeblich, die Triebspitzen werden nur von einigen unterentwickelten Nadeln geschützt, so dass der Baum sogar im Winter weiterwachsen kann. Das Bestäuben der unauffälligen weiblichen Blüten - im Gegensatz zu anderen Nadelgewächsen ist der Wacholder zweihäusig - erfolgt über Tropfen, die den vom Wind herangetragenen Pollen einfangen. Nach der Befruchtung entstehen kugelförmige Zapfen, die erst im zweiten Jahr schwarzblau und fleischig werden und das Aussehen von Beeren annehmen.

Nicht nur die Wacholderdrossel schätzt diese „Beerenzapfen“, auch wir Menschen mögen sie als Gewürz für Wildgerichte und Sauerkraut. Aber schon im Mittelalter wusste man auch um ihre Heilkraft bei Magenkrämpfen und Husten, und bis heute sind die aus ihnen gewonnenen Schnäpse sehr beliebt.

Im Volksglauben hatte der Wacholder neben Hasel und Holunder schon früh die Bedeutung einer wahren „BaumApotheke“: Man schrieb nicht nur den „Beeren“ Heil und Zauberkräfte zu, sondern verwendete auch das Holz. So wurden beispielsweise in den grossen Pestzeiten Notfeuer aus Wacholderholz entzündet und mit den glühenden Scheiten die Krankenzimmer ausgeräuchert.

Auch der Name „Wacholder“, der sich aus dem mittelhochdeutschen „quëckolter“ ableiten lässt, spiegelt das Vertrauen in die heilenden Kräfte dieses Baumes wieder: Das Adjektiv „quëc“ bedeutete nämlich frisch, lebendig, lebenskräftig. Zu allen Zeiten hat der Wacholder aber auch durch seine manchmal menschenähnliche Gestalt die Fantasie der Menschen angeregt. Ein schönes Beispiel ist das Märchen vom „Machandelboom“, in dem der Baum als Sitz der Seele eines toten Mädchens gesehen wird; vielleicht wird er deshalb auch heute noch gerne an Gräbern gepflanzt.

Ansehens und vor allem schützenswert ist die in Deutschland eher seltene „Zypresse des Nordens“, wenn Sie also in Ihrem Garten einen sonnigen Standort - er darf ruhig sehr trocken sein - zur Verfügung haben, pflanzen Sie doch einen „Quëckolder“, „Weckholder“, „Machandelbaum“. Den alten Spruch „Vor dem Holunder soll man den Hut abnehmen, vor einem Wacholder aber muss man in die Knie gehen“ brauchen Sie ja nicht wörtlich zu nehmen.

Waltraud König-Scholz