Foto: Claus Gülzow

Waldkauz (Strix aluco)

Schön, dass Nordrhein-Westfalen und Leverkusen einmal nicht Schlusslicht sind, wenn es um das Vorkommen streng geschützter Arten geht: In unserem Bundesland leben nämlich laut dem „Brutatlas der Vögel NRWs“ die meisten Brutpaare des Jahresvogels (7.300 - 12.750) und davon ungefähr 15-20 im Großraum Leverkusen; deutschlandweit gibt es etwa 43.000 - 75.000 Paare.

Zu verdanken haben wir diese erfreuliche Tatsache zum einen den vielen ehrenamtlichen Vogelschützern, die die leider immer häufiger fehlenden Brutplätze in alten Bäumen durch Nistkästen ausgleichen, und zum anderen der hohen Anpassungsfähigkeit des Waldkauzes bei der Nistplatz- und Nahrungssuche. Anders als die in Deutschland lebenden Eulenarten Steinkauz, Zwergohreule, Habichtskauz und Sumpfohreule ist der Waldkauz nicht gefährdet.
LBV und NABU haben ihn dennoch stellvertretend für alle Eulenarten und nachtaktiven Höhlenbewohner als „Botschafter der Nacht“ zum Vogel des Jahres gewählt.

Sein wissenschaftlicher Name Strix aluco kommt aus dem Lateinischen und könnte mit „Eulenkauz“ übersetzt werden. Nur im deutschsprachigen Raum gibt es seit dem 15. Jhd. neben dem lautmalerischen Begriff Eule (verwandt mit heulen) die Bezeichnung kuze = Schreihals, ein eigenes Wort also für Eulen mit rundem Kopf ohne Federohren.

Zu sehen bekommt man den lautlosen Jäger der Nacht nur selten, es sei denn, man wird durch das Geschimpfe und Gezetere vieler Kleinvögel aufmerksam, die den Waldkauz bei dem Versuch, in einer Astgabel ein Sonnenbad zu nehmen oder ein Nickerchen zu machen, gewaltig stören. Mit einer Körperlänge von etwa 40 cm und einer Flügelspannweite von 90-100 cm ist der Jahresvogel abgesehen vom Uhu die größte unserer einheimischen Eulen. Kennzeichnend für beide Geschlechter sind der große runde Kopf mit den schwarzbraunen Augen, die umrahmt sind von einem hellen Gesichtsschleier, und der stark gekrümmte gelbliche Schnabel. Die der Rinde angepasste Gefiederfärbung variiert von graubraun zu rostbraun und ist ober- und unterseits dunkel gefleckt. Trotz der fast perfekten Tarnfarbe steht der Waldkauz durchaus auf dem Speiseplan von Mardern, Taggreifen und dem Uhu

Schon Eugen Roth (1895-1976) wusste: „Die Eule ist (lateinisch strix) berühmt ob ihres scharfen Blicks.“ Tatsächlich nehmen die großen Eulenaugen besonders viel Licht auf, und da sie anders als bei den meisten Vogelarten nach vorne gerichtet sind, ermöglichen sie räumliches Sehen. Das dadurch nach hinten begrenzte Gesichtsfeld könnte von Nachteil sein, der aber durch eine unglaubliche Bewegungsfähigkeit des Kopfes (eine Drehung um 270 Grad) wieder ausgeglichen wird. Etwas Restlicht brauchen die Waldkäuze aber doch, auch wenn sie sich auf ihr fantastisches Gehör verlassen können. Beim nächtlichen Jagdflug orientieren sie sich mit den Ohren, die unter den Federn versteckt und leicht asymmetrisch angeordnet sind; ihr Gehirn erstellt dann eine akustische Landkarte. Für eine erfolgreiche Jagd nach Gehör sind natürlich auch die eingebauten „Schalldämpfer“ wichtig: Kammartige Zähnchen an den äußersten Flügelfedern verwirbeln den Luftstrom und lassen so kein Geräusch entstehen.

Den Revier- und Balzruf des Männchens kann man auch bei uns – etwa an der Wupper oder in der Waldsiedlung – schon im Januar hören, und wenn man Glück hat, folgt sofort das durchdringende „Kiuwitt“ des Weibchens. Hat sich ein Pärchen gefunden, bleibt es ein Leben lang zusammen – das können bis zu 19 Jahre sein. Die Waldkäuze bauen kein Nest, das Weibchen legt ab Mitte März 3-5 weiße Eier in Baumhöhlen, Mauerspalten oder Großvogelnester und wird während der Brutzeit vom Männchen mit Futter versorgt. Schon früh verlassen die Jungen das Nest, halten sich aber noch im Geäst auf und werden von den Eltern schärfstens bewacht.

Zum Schluss muss noch geklärt werden, warum der Jahresvogel jahrhundertelang mit meist negativen Attributen versehen wurde. Viel dazu beigetragen haben sicherlich seine nächtliche Lebensweise, sein plötzliches Auftauchen und ebenso rasches Verschwinden in der Dunkelheit, das unheimliche Menschliche in seinem Gesicht und vor allem seine Rufe. Das heulende „Huu-hu-huhuhuhuu“ hört man in fast jedem Krimi oder Gruselfilm, wenn es besonders spannend oder unheimlich wird. Der Kontaktruf des Weibchens aber, der als „Komm mit!“ gedeutet wurde und angeblich den nahenden Tod ankündigte, wurde dem Waldkauz und auch dem Steinkauz oft zum Verhängnis: Sie wurden zur Abwehr des drohenden Unheils ans Scheunentor genagelt. In England ging es nicht so grausam zu, dort interpretierte man den Ruf als „too wet, too wet“ (zu nass) – ständiges Regenwetter hat also auch etwas Gutes.

Eulen galten aber auch als Glücksbringer und Symbole der Weisheit, noch heute hat so mancher Buchverlag eine Eule als Logo.

Dazu noch einmal Eugen Roth:
Der Eule Weisheit ist nur Trug.
Sie scheint bloß durch ihr Schweigen klug.
Bei Mondlicht sitzt sie nachts herum –
das hält man dann für Studium.

Heute sind Eulenmotive beliebter denn je, man findet sie überall, auf Stoffen und Taschen, als Skulpturen im Garten oder auf der Fensterbank. Hoffen wir, dass dieser Boom dazu führt, den Jahresvogel vor allem als unverzichtbaren Teil der Artenvielfalt zu sehen.
Lichte Mischwälder, alte Baumbestände und locker strukturierte Landschaften bieten ihm den Lebensraum, den er braucht. Auch wenn sein Bestand derzeit stabil ist, müssen wir ein wachsames Auge auf den Schutz und Erhalt dieses Lebensraums haben und das unsinnige Fällen von alten Baumbeständen und das Ausbringen von Mäusegift in der Forstwirtschaft zu verhindern suchen.

Auch das Schlusswort hat Eugen Roth:
Im Finstern mancher schlägt ein Kreuzchen,
Hört klagen er das arme Käuzchen.
Im mondgespenstigen Dämmerlicht
Schreit es vom Baume jämmerlicht.
Das gilt als böses Zeichen nun.
Der Bauer nennt es Leichenhuhn,
Auch Totenvogel und so fort;
Doch ist daran kein wahres Wort.“
                       
(Waltraud König-Scholz)