Bäume in Leverkusen – ein bedrückendes Thema

Wir brauchen wieder eine Baumschutzsatzung!

Wann immer man in diesen Wochen die Zeitung aufschlägt – man kann sicher sein, dass schon wieder ein Bericht über die Fällung von Bäumen die erste Lokalseite füllt. Ob Straßen NRW oder Stadtgrün zur Säge greifen, ist im Ergebnis unerheblich – die Menge des vernichteten Grüns ist in 2017 spektakulär groß und lässt uns nicht nur die nächste Hitzewelle im Sommer fürchten.

Ein Instrument der Sicherung der kommunalen und privaten Baumbestände, wenn auch kein Allheilmittel, ist zweifellos eine Baumschutzsatzung.
Seit wir 2001 den Kampf gegen die Verwässerung der in den neunziger Jahren so mühsam erwirkten Satzung verloren – mit der Zustimmung des Beirats übrigens, der jetzt „Naturschutzbeirat“ heißt … –  und unsere Stadtväter dann 2005  so bereitwillig dem Kienbaum-Sparvorschlag zustimmten, die Baumschutzsatzung ersatzlos zu streichen, sind unzählige Bäume der Säge zum Opfer gefallen, auf Privatgrundstücken ebenso wie auf städtischem Gelände, wo man in vorauseilender Sorge um die Standfestigkeit eines Baumriesen dessen mögliche Lebensdauer drastisch verkürzt.

In dem Wissen, dass eine Baumschutzsatzung nicht eine Vorschrift unter anderen, sondern gerade für einen von der Industrie geprägten Standort wie Leverkusen eine absolute Notwendigkeit ist, geben wir die Hoffnung nicht auf, für ihre Wiedereinführung eine Mehrheit der Ratsfraktionen zu gewinnen, damit dieses wesentliche Instrument einer nachhaltigen Stadtgestaltung auch in unserer Gemeinde wie in zahlreichen anderen Gemeinden in NRW wieder fest verankert wird.
 
Die Wohltaten des Grüns in der Stadt pfeifen zwar die Spatzen – wo es noch welche gibt … – von den Dächern, aber wir wollen doch noch einmal darauf hinweisen, welche Wohlfahrtswirkung vor allem von großen Bäumen ausgeht:

  • Unsere dicht bebauten Städte stellen Klimabelastungsräume erster Ordnung dar. Hier mindern Bäume die Aufheizung von Asphalt und Mauerwerk, erzeugen durch die Verdunstung von Wasser über ihr Laub Luftfeuchtigkeit und tragen so zur Kühlung von Luft bei.

  • Die Staubanteile der Luft – die Feinstaubbelastung ist, wie wir wissen, dramatisch gestiegen! – werden durch Filterung vermindert, Schadgase werden gebunden, Lärm wird gedämpft.

  • Bäume sind Nist-, Rast- und Futterplätze für viele Tierarten und ermöglichen so auch in bebauten Bereichen Begegnungen mit der Natur.

  • Bäume fördern durch ihre Schönheit unser emotional gesteuertes Wohlbefinden. Sie stellen eine unschätzbare ästhetische Bereicherung für das Stadtbild dar und erhalten dem Stadtmenschen das Gespür für den Wechsel der Jahreszeiten, das immer notwendiger wird in unserer technikbestimmten Zeit.

Auch wenn Eugen Roth überall und immer wieder zitiert wird, verliert sein Vierzeiler leider nicht an Aussagekraft:

„Zu fällen einen schönen Baum
braucht’s eine halbe Stunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenk’ es, ein Jahrhundert.“

Ein Baum ist mehr als ein Baum!

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an Frederic Vester's Fensterbuch „Ein Baum ist mehr als ein Baum“. Es erschien vor mehr als zwanzig Jahren, aber es hat bis heute nichts an Aussagekraft verloren. Auf der Grundlage  zahlreicher Berechnungen zur Gesamtbilanz eines einzigen ‚erwachsenen’ Baums von 100 Jahren kommt er zu dem Ergebnis, dass ein solcher Baum im Laufe seines Lebens  einen volkswirtschaftlichen Wert von (umgerechnet) rund 265 000 Euro repräsentiert!
Lesen Sie sein Schlusswort zu dieser faszinierenden Darstellung:
„…ein Baum ist weit mehr als ein Baum! Seine Leistungsbilanz zeigt, dass im Zusammenspiel der Natur und der Ökosysteme unseres Lebensraumes alle Glieder neben ihrem Eigenwert auch ihren Wert im Gesamtgefüge haben. Erst wenn wir ihre Rolle im System erkennen, wird dieser Wert offenbar. Und lösen wir ein solches Glied aus dem Gefüge, so zerreißen hunderttausende unsichtbarer Fäden – weil mit ihm auch seine Rolle im System erlischt und mit dieser Rolle auch alle seine Leistungen, von denen wir ohne es zu wissen profitieren. Schaden wir den Bäumen, so schaden wir letzten Endes vor allem uns selbst.“

Und noch ein hochinteressanter Aspekt des Wertes der Bäume

Die Geo-Biologin Hope Jahren  macht in ihrem Buch „Blattgeflüster – die wunderbare Welt der Pflanzen“ (New York 2016) auf einen Aspekt aufmerksam, der fast schon genügen würde, uns die Bedeutung von Bäumen für den Menschen bewusst zu machen:
„Schließen Sie die Augen und denken Sie an die Sternenform eines Ahornblattes, ein herzförmiges Efeublatt, einen dreieckigen Farnwedel, die fingerartigen Blätter einer Palme. Bedenken Sie, dass an einer einzelnen Eiche mindestens hunderttausend gelappte Blätter wachsen können, und dass niemals zwei von ihnen genau gleich sind. Jedes Eichenblatt auf Erden ist eine einzigartige Ausschmückung eines einzigen Bauplans.
Die Blätter dieser Welt umfassen unzählige Milliarden von Ausführungen einer einzigen Maschine, die für eine einzige Aufgabe entworfen wurde – eine Aufgabe, von der die Menschheit abhängt: Blätter stellen Zucker her. Blätter sind die einzigen Dinge in diesem Universum, die aus lebloser, anorganischer Materie Zucker herstellen können. Sämtlicher Zucker, den Sie jemals gegessen haben, wurde zunächst in einem Blatt hergestellt. Wird Ihr Hirn nicht konstant mit Glukose versorgt, sterben Sie. Fertig. Im äußersten Notfall kann Ihre Leber Glukose aus einem Protein oder Fett herstellen – aber dieses Protein oder Fett wurde ursprünglich in einem anderen Tier aus pflanzlichem Zucker hergestellt. Es ist unausweichlich: Gerade in diesem Moment sind es Blätter, die in Ihrem Gehirn die Gedanken an Blätter erst ermöglichen.“

„Über allen Wipfeln“

Im Vorwort seines Buches über den Wald mit dem Titel „Über allen Wipfeln“ schreibt der Autor Alexander Demandt, Professor für Alte Geschichte in Berlin: „Der Baum ist ein unablässiger Denkanstoß, ein unergründlicher Gegenstand der Meditation, eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.“

Die Wälder schweigen

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.

Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

(Erich Kästner (1899 - 1974)