Der Kuckuck

Vogel des Jahres 2008

„Wie schön, wenn es auf Erden mait
Und hell im Wald der Kuckuck schreit.“

Eugen Roth, Humorist und scharfer Beobachter menschlichen und tierischen Verhaltens, ist nur einer der zahlreichen Dichter und Erzähler, die sich schon seit der Antike vom Kuckuck haben inspirieren lassen.

Seinen unverwechselbaren, weithin schallenden Ruf kann man ab Mitte April – in der Grafschaft Sussex ist der 14. April als „Cuckoo Day“ bekannt – manchmal auch noch in Leverkusen hören. Er wird bis zu fünfzig Mal als kleine oder auch große Terz abwärts wiederholt und macht den Kuckuck zum willkommenen Frühlingsboten.

Beim ersten Hören besinnt sich manch ein moderner Mensch auf uralte Bräuche, und so klimpert er verstohlen mit seinen Münzen, damit er das Jahr über genügend Geld hat, oder er zählt heimlich die Rufe, damit er weiß, wie lange er noch leben wird. Der lang anhaltende, etwas eintönige „Gesang“ – der Kuckuck gehört nicht zu den Singvögeln – gab auch Anlass zu Spottversen und -redensarten. In „Der Kuckuck und der Esel“ kommt es beispielsweise zu einem stimmlichen Wettstreit mit einem Vierbeiner, dessen Laute noch misstönender sind, und von einem Menschen, der nichts dazu lernen will, sagt man, „er bleibt beim alten Kuckucksgesang“.

Teufelssänger, Frühlingsverkünder, Glücksbote, Orakelvogel und Götterbegleiter – bei kaum einem anderen Vogel finden sich so viele und so abergläubische, widersprüchliche Vorstellungen wie beim Kuckuck. Besonders hartnäckig hielten sich die Meinungen, er überwintere in einem Baumstumpf oder verwandele sich im Herbst in einen Sperber, wie es schon der römische Schriftsteller Plinius vermutete. Natürlich wissen wir es heute besser und belächeln diese Erklärungsversuche für das vergebliche Suchen nach etwas Vertrautem (ab Ende Juli hört und sieht man den Kuckuck nicht mehr), dabei sollten wir doch eher bedauern, dass uns heute das gänzliche Verstummen und Verschwinden einer Art gar nicht mehr auffällt.

Noch kommt der Kuckuck, dessen wissenschaftlicher Name cuculus canorus ebenso lautmalerisch ist wie das englische cuckoo, in jedem Frühjahr zurück von seiner langen Reise, bei der er vorwiegend nachts hin und zurück etwa 8000 bis 12000 Kilometer zurücklegt. Seine Überwinterungsgebiete liegen größtenteils südlich des Äquators, die Vögel der Iberischen Halbinsel und aus Nordafrika ziehen nur bis Westafrika.

Zur Familie der Kuckucke (Cuculidae) gehören etwa 130 Arten, die weite Teile der Alten und Neuen Welt besiedeln, in Mitteleuropa ist „unser“ Kuckuck die einzige Art. Den typischen Ruf des männlichen Kuckucks kann jedes Kind nachahmen, das trällernde „Kichern“ des Weibchens fällt schon weniger auf.

Da hat Hoffmann von Fallersleben besonders gut hingehört, denn in der dritten Strophe eines seiner Gedichte heißt es: „Winter ade! Scheiden tut weh. Gehst du nicht bald nach Haus, lacht dich der Kuckuck aus.“ Auch äußerlich unterscheiden sich die Geschlechter nur für das geübte Auge. Beide sind mit 34 cm etwa so groß wie der Turmfalke, aber während das Männchen überwiegend schiefergrau gefärbt ist, sind die Weibchen leicht rostfarben getönt. Der verhältnismäßig lange Schwanz, die spitzen Flügel und die bräunliche Querbänderung der Unterseite lassen durchaus eine Verwechslung mit einem Sperber oder Falken zu – Plinius hat also gut beobachtet.

Hermann Brombach, Ehrenvorsitzender des NABU-Stadtverbandes, berichtet in seiner Avifauna von Leverkusen, dass ein von ihm beringter Jungkuckuck zehn Tage später in den Rheinauen als Sperber abgeschossen wurde, andere Ornithologen weisen auf die Warnrufe und das laute Gezeter vieler Kleinvögel beim Näherkommen des Kuckucks hin.

Neben dem allbekannten Ruf gibt es ein weiteres markantes Merkmal, das die Menschen mit dem Vogel des Jahres in Verbindung bringen: seine „hinterhältige“ Art, sich vor dem arbeitsintensiven Bau eines Nestes und der mühevollen Aufzucht der Nachkommen zu drücken.

Eugen Roth fasst diesen Teil des Kuckuckslebenslaufs so zusammen:
„Die Kuckucksfrau, bei ihrem Wandern
Von einem Ehebruch zum andern,
Kann sich um Kinderzucht nicht kümmern
Und sucht drum stets nach einem Dümmern;
Kommt heimlich nieder mit dem Ei
Und trägt’s im Schnabel flugs herbei,
Ins Nest von Piepern oder Stelzen,
Die Sorge auf sie abzuwälzen.“

Tatsächlich braucht der Kuckuck das alles nicht zu tun, da er eine faszinierende Fortpflanzungsstrategie entwickelt hat: Wenn Weibchen und Männchen in ihren Wohngebieten eintreffen – meist sind es die aus dem Vorjahr – und ihre unterschiedlichen Reviere besetzt haben, sind die Nester anderer Vögel längst gebaut. Angelockt vom Ruf des Männchens lässt sich das Weibchen begatten – die Balz entfällt aus Zeitgründen und auch eine längere Paarbildung kommt so gut wie nie vor.

Da die Bildung eines legereifen Kuckuckseis nur etwa 4-5 Tage dauert, muss sich Frau Kuckuck nun schnellstens nach einem geeigneten „Fertighaus“ umsehen. Von einem Ansitz aus oder im Suchflug beobachtet sie genau die Aktionen der zukünftigen „Stiefeltern“, um in Sekundenschnelle ihr Ei abzulegen, wenn die „Hauswirte“ das Nest kurz verlassen haben. Unterstützung erhält sie dabei häufig vom Männchen, das die Aufmerksamkeit der erregten Singvögel auf sich zieht. Dieser Vorgang muss sich etwa 10-20 Mal in jeweils anderen Nestern derselben Vogelart wiederholen, damit die Population auf Dauer erhalten bleibt.

Das Risiko, ein schon verlassenes Nest zu belegen oder in der Eile das Ei außerhalb des Nestes zu platzieren, ist enorm hoch. Verläuft aber alles nach Plan, schlüpft der kleine Kuckuck nach etwa 12 Tagen und wird sofort zum Alptraum seiner Stiefeltern und -geschwister. Berührungsreize am breiten Rücken und an den Seiten lassen ihn empfindlich reagieren: Noch völlig nackt und blind duckt er sich unter die Eier oder Nestlinge und schiebt sie mit dem flachgedrückten Rücken rückwärts kriechend über den Nestrand. Dieses angeborene Verhalten garantiert ihm genügend Platz und die volle Aufmerksamkeit seiner Pflegeeltern.

Die vorteilhafte Situation des Einzelkinds lässt ihn schnell heranwachsen, und so verlässt er bereits nach zwei Wochen das Nest, das nun doch mehr als eng geworden ist. Wenn man beobachtet, wie ein zierlicher Zaunkönig oder eine kleine Grasmücke fast im Rachen ihres nimmersatten Pfleglings verschwinden, kann man Martin Luthers Behauptung, der undankbare Kuckuck fräße seine Mutter auf, nachvollziehen.

Nach welchen Kriterien werden nun aber die Wirtsvögel ausgesucht und warum bemerken sie den „Betrug“ nicht, der doch für ihre eigene Brut tödlich ist? Kuckucksweibchen „wissen“, dass ihre Eier in Größe, Färbung und Musterung denen der Stiefeltern angepasst sein müssen. Ihre Prägung auf den eigenen Wirtsvogel ist so stark, dass beispielsweise ein von einem Gartenrotschwanz hochgezogener Vogel in der Regel blau gefärbte Eier in das Nest legen wird, die dann nicht als fremde Eier erkannt werden können. Es kann auch vorkommen, dass ein Ei aus dem bereits vorhandenen Gelege vor der eigenen Eiablage entfernt wird, damit das Zahlenverhältnis stimmt.

Zu den häufigsten Arten, die der Kuckuck auswählt, gehören Grasmücken, Zaunkönige, Rotkehlchen und Rohrsänger, die alle als Insektenfresser den Jungvogel mit geeignetem Futter – Schmetterlingsraupen, Libellen und Insekten – optimal versorgen können. Für Leverkusen wies Brombach Heckenbraunelle, Sumpfrohrsänger, Rotkehlchen und mit stark fallender Tendenz die Schafstelze nach.

Wie schön wäre es, wenn Eugen Roth mit seiner abschließenden Bemerkung Recht hätte:
„Wo man zuletzt ihn hört und wann,
Kein Mensch so richtig sagen kann.
Drum hält man für unsterblich ihn…“

Aber die Wahl des Kuckucks zum Vogel des Jahres spricht leider eine ganz andere Sprache. Führende Ornithologen von NABU und LBV beklagen, dass die Zahl der Kuckucke allein in den letzten zehn Jahren in Deutschland gebietsweise um 20-30% abgenommen hat, am stärksten unter Anderem in Nordrhein-Westfalen. Großflächige Monokulturen und der zunehmende Flächenverbrauch nehmen dem populären Vogel und seinen Wirtsvögeln immer mehr Lebensraum weg, Pestizideinsätze vernichten seine Nahrung.

Bereits vor 45 Jahren erschien das aufwühlende Buch „Der stumme Frühling“ der mutigen und weitsichtigen Amerikanerin Rachel Carson, in dem sie die katastrophalen Auswirkungen von Pestizideinsätzen auf Mensch und Natur heraufbeschwor. Vieles hat sich seitdem getan, aber immer noch werden Grunderkenntnisse der Wissenschaft in den Dienst der „Götter des Profits und der Produktion“ gestellt. Eine weitere Gefährdung sehen Experten in den Folgen des Klimawandels: Die Erderwärmung führt dazu, dass immer mehr Vögel früher brüten, der Kuckuck als Langstreckenzieher aber seine Zugzeiten beibehält. Es wird für ihn also immer schwerer, Nester zu finden, in denen die Brut noch ganz am Anfang ist, denn nur dann kann der junge Kuckuck als Erster schlüpfen.

Geschützt werden kann der interessante Vogel des Jahres nur, wenn reichhaltig strukturierte, giftfreie Kulturlandschaften erhalten oder neu geschaffen werden. Da kann ich als Einzelner ja gar nichts tun, wenn nicht einmal wie bei anderen Jahresvögeln künstliche Nisthilfen etwas bringen, werden Sie vielleicht jetzt enttäuscht denken.

Aber es gibt Möglichkeiten:

* Unterstützen Sie durch Ihren Einkauf den Ökolandbau, der ohne Pestizideinsätze auskommt.

*Nutzen Sie die vielen Tipps zum Energiesparen, um dem Klimawandel entgegen zu wirken.

* Stärken Sie durch eine Mitgliedschaft die Durchsetzungskraft der Naturschutzverbände.

* Nur dann können auch zukünftige Generationen dem „Helden“ unseres bekannten Kinderlieds noch in der Natur begegnen.

Waltraud König-Scholz