Die Wegwarte (Cichorium intybus)

„Himmelblaue Frühaufsteherin“ nennt Susanne Wiborg, Journalistin und Hobby-Gärtnerin aus Hamburg, liebevoll die Wegwarte, die die Loki Schmidt Stiftung zur Blume des Jahres 2009 gewählt hat.

Tatsächlich öffnen sich die zarten Blütenköpfchen bereits bei Sonnenaufgang und bieten bis in den frühen Nachmittag nektarsammelnden Insekten reichlich Nahrung. Als echte Sonnenkinder mögen sie den Regen gar nicht und greifen dann lieber auf Selbstbestäubung zurück.

Von Juni bis September / Oktober schmückt die Wegwarte mit ihren weithin sichtbaren Blüten Straßenränder, Ödland, brachliegende Böschungen und vor allem Feldraine. Sowohl ihr wissenschaftlicher Name Cichorium, abgeleitet aus dem griechischen Kio chorion = ich gehe entlang des Feldes, als auch die deutsche Bezeichnung weisen auf diesen bevorzugten Standort hin.

Die Pflanze ist eine der wenigen leuchtend blauen Blumen aus der vorwiegend gelbblühenden Familie der Korbblütengewächse und ist – noch – überall in Europa, Westasien und Nordwestafrika heimisch. Am 30-100 cm hohen, hartfaserigen Hauptstängel sitzen in den Winkeln zwischen lanzettlichen ungestielten Blättern und kleineren abzweigenden Stängeln 2-3 strahlend blaue gezähnelte Zungenblüten, die unter der Sonne ausbleichen und mit der Zeit immer heller werden. Selten findet man auch weiße Blüten, die man im Mittelalter für zauberkräftig hielt. Dank ihrer rübenförmigen, tief reichenden Speicherwurzel beansprucht die Wegwarte nur wenig Bodenfläche und kann sich auch Standorte mit nur geringen Wassermengen erschließen.

Schon die Römer und Griechen – und vor ihnen die Ägypter – nutzten die Heilwirkungen der in Blättern und Wurzeln enthaltenen Gerb- und Bitterstoffe, und über die Jahrhunderte hinweg wurden und werden Tees zur Linderung von Darmbeschwerden und Salben zur Behandlung von Hautproblemen empfohlen. Längst sind auch Kultursorten gezüchtet worden, die unseren Speisezettel im Winter bereichern: Chicorée, in Belgien auch als „weißes Gold“ bekannt, Endivie mit dem leicht bitteren Geschmack und Radicchio rosso oder Rote Endivie.

Bereits im frühen 18. Jahrhundert röstete und mahlte man die getrockneten Wurzeln und stellte daraus ein kaffeeähnliches Getränk her, das zwar kein anregendes Koffein enthielt, dafür aber das äußerst magenfreundliche Inulin. Friedrich der Große förderte den Anbau der „Wurzelzichorie“, weil er das daraus gewonnene Getränk, den so genannten „Muckefuck“ als willkommenen Ersatz für den knappen und teuren Bohnenkaffee sehr schätzte. Vor dem 1. Weltkrieg wurden im Deutschen Reich sogar mehr als 6000 Hektar Ackerfläche genutzt, um der starken Nachfrage nach „Muckefuck“ gerecht zu werden. Billige Kaffeeimporte haben dieses einst so populäre Getränk fast in Vergessenheit geraten lassen.

Zahlreiche unterschiedliche Benennungen zeigen, dass die Blume des Jahres nicht nur wegen ihrer vieler Verwendungsmöglichkeiten, sondern vor allem wegen ihrer leuchtenden Blüten bei den Menschen sehr beliebt war: Wegeleuchte, Sonnenbraut, Sonnenwedel, verwünschte Jungfrau und vieles mehr.

Auch etliche Sagen und Mythen ranken sich um diese nach der Blütezeit eher unscheinbare Pflanze: Mit Hilfe ihrer Zauberkraft war man im Kampf unbesiegbar und in der Liebe unwiderstehlich. Junge Mädchen, die eine Wegwarte unter ihr Kopfkissen legten, konnten sicher sein, den zukünftigen Ehemann im Traum zu sehen. Das klare Blau der Blüten und das häufige Vorkommen am Wegesrand waren wohl ausschlaggebend für die anrührende Geschichte vom Burgfräulein mit blauen Augen und in blauem Gewand, das geduldig am Wegesrand auf die Heimkehr ihres Geliebten vom Kreuzzug wartet und schließlich in eine Blume verzaubert wird.

Die Loki Schmidt Stiftung hat mit der Wegwarte erneut eine Pflanze zur Blume des Jahres gewählt (2008 war es die Nickende Distel), die auf den gefährdeten Lebensraum der offenen Ruderalflächen und unbefestigten Weg- und Straßenränder angewiesen ist. Hamburg und Niedersachsen stufen die Wegwarte bereits als gefährdet ein und in weiteren Bundesländern befindet sie sich auf der so genannten Vorwarnliste. Unversiegelte Flächen werden in Deutschland immer seltener und in den Dörfern sind fast überall bunte Saumstrukturen entlang von Mauern, Hecken und Wegen den deutschen „Tugenden“ Gründlichkeit und Ordnungsliebe zum Opfer gefallen.

Wie so oft können Gartenbesitzer zur Erhaltung einer Art beitragen, wenn sie der anspruchslosen Schönen ein sonniges Plätzchen überlassen, vielleicht zwischen prallgefüllten Rosen, die zwar auch schön sind, aber anders als die Wegwarte Insekten und Vögeln kaum etwas zu bieten haben.

(von Waltraud König-Scholz)