Morgens um sechs ist die Welt ein Konzertsaal

„Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder.
Die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.“

So dichtete Paul Gerhardt 1656 in seinem wohlbekannten Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud’“, und wie viele unserer Vorfahren glaubte auch er vielleicht, dass die Vögel mit ihrem Singen ein Loblied auf ihren Schöpfer anstimmten. Heute wissen wir natürlich, dass der sein Lied schmetternde Vogelmann lediglich allen männlichen Artgenossen mitteilt, dass er ein Revier gefunden hat und bereit ist, es mit Schnabel und Krallen zu verteidigen. Und  gleichzeitig  zeigt  er  potentiellen Ehefrauen, dass hier ein Junggeselle mit Grundbesitz auf  sie wartet.

Das Wissen um diesen Nützlichkeitsaspekt hindert uns aber nicht daran, uns jedes Jahr aufs Neue am jubelnden Gesang der Vögel zu erfreuen und das immer vielfältiger werdende morgendliche Konzert als sicheren Vorboten des Frühlings zu deuten.

Und  so manches Mal, wenn wir der Amsel oder dem Rotkehlchen, dem Zaunkönig oder der Mönchsgrasmücke lauschen, kommt doch bei manch einem der Wunsch auf, ein bisschen mehr zu erfahren über das Phänomen Vogelgesang.

Zur Frage, wie der Vogel das Singen lernt, lässt die Forschung noch Raum für manche Doktorarbeit, aber etliche Erkenntnisse haben sich im Laufe der Beschäftigung mit dem Phänomen der Vogelstimme doch schon ergeben.
Wir wissen alle, dass Singvögel nicht das ganze Jahr über mit gleicher Ausdauer und Intensität singen, sondern ihre Gesangsaktivität ab dem Frühjahr kontinuierlich zunimmt. Sie wird von der Hormonproduktion gesteuert, die wiederum von der Lichteinwirkung abhängt: Über das Auge wirkt das Licht auf das Zwischenhirn, das die Produktion des männlichen Sexualhormons Testosteron steuert. Das erklärt auch, warum das Singen bei den Vögeln eine spezifisch männliche Kunst ist. Im Laufe des Sommers geht diese Aktivität langsam zurück, während der Mauser im August sind die meisten Arten sehr schweigsam, im Herbst kommt es bei vielen Arten noch einmal zu einem Gesangsgipfel, bis wir im Winter nur noch vereinzelt  einen Zaunkönig oder ein Rotkehlchen zu hören bekommen.

Viele Erkenntnisse hat man gewonnen, indem man Vögel  schallisoliert aufzog. So erkannte man, dass beim Buchfink der erste Teil der Strophe angeboren ist, der Schlussschnörkel aber erlernt werden muss.

Der Mönchsgrasmücke hingegen ist der Gesang bereits ins Nest gelegt. Sie benötigt im Gegensatz zu den meisten anderen keinen Vorsänger, um ihr Lied zu lernen, und kann sich ohne Schwierigkeiten von Spanien bis Skandinavien mit ihren Artgenossen verständigen. Eine Goldammer aus Dänemark dagegen versteht ihren deutschen Vetter schon nicht mehr, weil der von seinem Vater einen ganz anderen Dialekt gelernt hat.

Etwa 15%  der Singvögel bringen es fertig, den Gesang anderer Arten und auch andere Geräusche nachzuahmen und so ihr Repertoire beträchtlich zu erweitern. Unter diesen so genannten  Spottsängern ragt einer besonders heraus: der Sumpfrohrsänger. Er speichert wohl schon in den ersten 6 - 8 Lebenswochen zahlreiche Stimmen fremder Arten in seinem Gedächtnis und erweitert dann auf seinem ersten Zug ins afrikanische Winterquartier sein Repertoire so beträchtlich, dass man einmal bei einem Sumpfrohrsänger 84 nachgeahmte Vogelarten nachweisen konnte.
Dass es noch etliche andere Spötter gibt, werden alle die bestätigen, die der Star z.B. schon mal zum Narren gehalten hat – etwa mit nachgeahmten Handy-Klingeltönen …

Damit ist das Spektrum der Kommunikationsmittel in der Vogelwelt bei weitem nicht erschöpft. Da gibt es die Vielzahl von Rufen, die die Kommunikation im Schwarm sicherstellen, die Stimmfühlungslaute, die die Beziehung zwischen Eltern und Jungvögeln regeln, die Warnrufe, die vor einem Feind am Boden oder in der Luft warnen, um nur ein paar zu nennen.

1892 schrieb Prof. Dr. Alwin Voigt, Autor eines „Exkursionsbuch(s) zum Studium der Vogelstimmen“: „Wer in der geheiligten Stille des Waldes stundenlang den Liedern unserer gefiederten Sänger zu lauschen pflegt, dem bleiben Körper und Geist gesund, und der ist bewahrt vor der Verödung im Einerlei des Alltäglichen.“

Und wenn es bei Ihrem nächsten Spaziergang laut und schmetternd aus den höchsten Zweigen eines Busches klingt: „Wie, wie, wie hab’ ich dich liiieb!“, dann beziehen Sie es ruhig auf sich, auch wenn die Goldammer höchstwahrscheinlich  nicht Sie gemeint hat …
(Ingrid Mayer)


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