Winterhunger von Amseln

(Rainer Morgenstern)

Amseln futtern anders als andere Vögel! Eine nett bebilderte Darstellung der Winterfütterung von Amseln: bitte klicken Sie hier


Stieglitz schwarz-rot-gold

(Rainer Morgenstern)

Als noch alle Vögel blass und grau,
mischte Gott erneut die Farben der Palette.
Wer zuerst kommt, das war schlau,
dem winkt das schönste Bunt am Anfang dieser Vogelkette.
Noch stumpf und fad, wie Blei,
gieren alle um die Wette,
und drängeln eilig flugs herbei.

Jeder kriegte Kleckse, Streifen,
in Kreisen, Zickzack oder Schleifen,
völlig bunt, grün, blau, gemischt, gemengt,
bis die Farben alle,
der Herr den Pinsel senkt.
Die Vögel glänzen wie Juwelen,
und er ist von stolzen Blicken reich beschenkt,
froh in jedem Falle,
gar nichts sollte fehlen.
Wieder war es seine Hand, die alles lenkt.

Keine weiteren Sorgen ihn mehr quälen,
alles ist perfekt, nicht zu ergänzen,
weder Form noch Farbe sind zu wählen,
nicht zu ändern, zu begrenzen.


Doch als aus Stauden, Disteln, Dorn an Dorn,
ein letzter Gräulich, ein ganz scheuer,
linkisch flattert sich nach vorn,
ist auch dem Herrn der gute Rat nun teuer.
Bar der geringsten Farbenmenge, gleich, wie er auch kratzt,
drückt sich enttäuscht der Gräulich
vorbei am Schöpfer-Quast,
und siehe da, des Pinsels Vielfalt Reste,
für ihn am Schluss noch höchst erfreulich,
verleihen seinen Federn aller Farben Beste.

Schwarz-rot-gold, auch weiß auf lila Blüte,
so sieht Mutter Wiebelitz
herbst- und sommertäglich
diesen bunten Stiegelitz,
wie er mit Brüdern, Schwestern sich unsäglich
durch dichte Disteldornen mühte.
Und wie es früher oft so ging,
nannte sie ihn Distelfink.

Was dieses Farbenkleid bedeute,
wusste man nicht dazumal,
sondern erst seit heute.
Dennoch ist der Stiegelitz
alles, nur nicht national.
So denkt sich Frau Wiebelitz,
doch anders wär's ihr auch egal.

Dass jetzt nur keiner glaubt, die Alte spinnt,
sie sagt nur das, was Volkes Mund
an langen Abenden ersinnt
und tut es uns in diesen Zeilen kund.

Der Name der Betrachterin
hat jedoch im Reim nur seinen Sinn.


Drei Spatzen  

(Christian Morgenstern)

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.

Sie hören alle drei ihrer Herzlein Gepoch
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

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Die Sperlinge

(Joseph Freiherr von Eichendorff)

Altes Haus mit deinen Löchern,
geizger Bauer nun ade!
Sonne scheint! Von allen Dächern
tröpfelt lustig schon der Schnee.
Draußen auf dem Zaune munter
wetzen unsre Schnäbel wir.
Durch die Hecken rauf und runter,
in dem Baume vor der Tür
tummeln wir in hellen Haufe.

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Spatzen

(Albecht Haushofer:„Moabiter Sonette“)

Zuweilen kommt Besuch: Das Eisengitter,
für mich Gefängnis, ist für andre Rast.
Ein Spatzenpaar ist gerne da zu Gast,
ein Spatzenfräulein und ein Spatzenritter.

Sie lieben sich in Zank und Zärtlichkeit,
sie haben schnäbelnd sich viel zu erzählen,
und wollt ein andrer Spatz die Spätzin wählen,
dann gäb es einen fürchterlichen Streit.

Wie seltsam ist es, ungehemmtem Leben
in Fesseln voller Frage nahzustehn –
ob mich die flinken, schwarzen Augen sehn?

Sie schauen fort. Ein Tschilp, ein Flügelheben,
der Eisenrost ist leer. Ich bin allein.
Wie gerne möcht ich bei den Spatzen sein –

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Der Uhu

(Eugen Roth: Viechereien, in: Von Mensch zu Mensch)

Der Uhu, Bubo oder Auf
Hält tags sich im Verborgnen auf,
Weil er fürs helle Licht nicht schwärmt;
Der Spott der Vögel ihn umlärmt;
Doch nachts, wenn seine Sterne strahlen,
Gedenkt er’s ihnen heimzuzahlen.

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Der Zaunkönig 

(Anastasius Grün, Sage aus der Normandie)

Ihr Kinder, laßt mir verschont
Zaunkönigs Nest und Zelle,
Denn wo ein Edler wohnt,
Ist eine heilige Stelle.

Wenn traulich der flammende Herd
Euch Zünglein belebt und Gedanken,
Euch wärmt im Frost und euch nährt,
Dem Vöglein nur sollt ihr's danken.

In dunkler, kalter Zeit,
Als uns des Feuers Gabe
Die Götter noch bargen mit Neid,
Wie Ueberreiche ihr Habe;

Da in dem Vöglein klein
Erwuchs ein großer Gedanke,
Es flog in den Himmel hinein,
Durchbrechend die Wolkenschranke.

Dem Jovisadler, der schlief,
Riß es den Brand aus den Krallen;
Und ob er's auch sengte tief,
Die Beute ließ es nicht fallen.

Und wie ein stürzender Stern
Fiel's erdenwärts mit den Schätzen;
Da eilten von nah und fern
Die Brüder, den Wunden zu letzen.

Die eigenen Federn leiht
Ihm jeder, die Blößen zu decken;
Drum ist auch sein braunes Kleid
Ein Bettlermantel voll Flecken.

Rothkehlchen voran! Doch vom Brand
Ist selbst versengt es worden;
So trägt's noch das rothe Band
Am Busen als Ehrenorden.

Nur Kukuk, der Gauch, gab nichts
Als eine gute Lehre:
"Hast du nur die Größe des Wichts,
Mit Göttergluht nicht verkehre!"

Zaunkönig rächte sich auch,
Wie nur es Edlen gelungen:
Er brütet die Jungen dem Gauch
Zugleich mit den eigenen Jungen.

Es wurde die ganze Schaar
Zu Aerzten im Heilungsdrange:
Grasmücke mit dem Trokar,
Krummschnabel kam mit der Zange.

Die Meise wetzt und weist
Blutdürstig ihr Lanzettchen,
Als Wunderpflaster preist
Der Specht ein würzig Blättchen;

Er füllt in der Quelle klar
Das Spritzlein die Bekassine,
Kernbeißer macht sogar
Zum Amputiren schon Miene.

Die Elster aber entbrennt,
Grauschwesteramt zu verrichten
Sie zupft Charpie und kennt
Hausmittel und Stadtgeschichten.

Zaunkönig mild abwehrt
Die Sorgen, die sie ihm weihen:
"Wen himmlisch Feuer versehrt,
Den heilen nicht ird'sche Arzneien."

Ihr schönstes Gefieder flicht
Die Schaar ihm zur lieblichen Krone,
Sein Haupt beschattet sie dicht
Dem kühnen Flug zum Lohne.

Wohlthäter der Welt, versteckt
Er tief sich im Dunkel der Hage,
Allein beschämt und erschreckt,
Daß eine Kron' er trage.

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