Siebenschläfer Teil IV

Gegähnt, gereckt,
nach nächtlichem Ausflug,
Geschwister mit Erfolg geneckt,
dem Kauz auf seinem Raubzug
die Zunge rausgestreckt.
So viel Spaß macht Mut bis übermütig,
an Schlaf gar nicht zu denken.
Mama duldet gütig,
wenn sie den Schritt ins Taglicht lenken.

Ganz anderes Erleben, ganz andere Gefahr.
Zum Erwachsenwerden braucht man’s eben,
irgendwann ist Mama nicht mehr da.
Viel gelernt und richtig schlau,
so könnt´s ewig weiter gehen,
keiner will mehr in den Bau,
alle woll´n die Welt besehen.

Doch plötzlich schallt ein Machtwort,
bis hier hin und nicht weiter.
Zu wechseln sei der Wohnort,
im Winter ist es hier nicht heiter.
Mama, wie kannst du das verlangen,
wo es jetzt am schönsten ist?
Woher kommt dein ängstlich Bangen?
Gewähr uns doch noch eine Frist!

In der Natur gibt´s keine Fristen,
kein Aufschub in den Zeiten.
Bleiben wir in unserem Haus zu lange sitzen,
folgt die Strafe bald in diesen Breiten.
So belehrt, doch nichts verstanden,
sieben Monde Schlaf befohlen,
murren junge Siebenschläferbanden,
alle wollen bleiben, unverhohlen.

Warum sollen wir sieben Monde schlafen?
Sind doch gar nicht müde,
wofür willst du uns bestrafen,
warum befiehlst du uns so rüde?
Schlaflos in einer dunklen Erdenhöhle,
vor Hunger knurrt der Magen,
kann niemals sein zu unserem Wöhle,
da geht es uns doch an den Kragen.

Gemach, gemach, ich hab es nicht vergessen,
die kleine Frist, sie sei gewährt.
Was heut und morgen vor die Nase kommt, es wird gefressen.
Mit vollem Bauch den Winterschlaf euch keiner stört.
Ein letztes Fest im Überfluss,
gefüllter Magen, schwere Augenlider,
für sieben Monde ist dann Schluss.
Im Frühling kehren wir alle wieder.

(von Rainer Morgenstern)

Bild von Joy, 2015

Siebenschläfer Teil III

Sieben kleine Siebenschläfer
werden langsam pelzig,
Einer spielt mit einem Käfer,
ein anderer am Schwanz der Mutter hält sich.
Sie braucht weiß Gott nun viel Geduld,
hat jeden lieb, macht alle satt.
Von eins bis sieben in ihrer Huld.
Mit Sonnenaufgang dann schachmatt.

So vergeht im Nu die Zeit,
Nacht aus, Nacht ein,
und bald schon ist´s soweit.
Die Sprösslein längst schon nicht mehr klein,
das Häuschen eng und gar nicht breit.
Spielen, Kämpfen, Toben,
Kraft und Mut erproben,
das geht nur draußen noch, dort oben.

Geh du voran, nein du,
sie purzeln hin und her,
auf die Räuberleiter, raus im Nu,
für den Kleinsten nicht zu schwer.
Für die Geschwister noch zu viel.
Sein Erstaunen können sie noch hören,
Das runde Loch da oben ist das Ziel,
wollen sie die Nächsten sein und schwören.

Die Mutter macht es nach und lockt.
Jetzt haben sie´s eilig raus mit Mut beinah,
noch hat´s keine Generation verbockt,
sehen sie, was Benjamin vor ihnen sah.
Eine helle, gelbe Scheibe,
auf der nach Mutters Stimme Hall
ein Männchen wohnt,
viel größer als das Rund in ihrer Bleibe.
Es ist wohl eher ein Ball
Und das Männchen ist der Mann im Mond.

So entdeckt sich dies und das,
von Neugier angetrieben,
werden sie zum Beispiel pudelnass.
Klettern solln sie üben,
lernen, wie es so geht,
und was so schmeckt,
sie werden alles lieben,
wenn man´s versteht,
sich danach reckt.

Unter Aufsicht und mit Sorgen
Schaut die Mutter schon auf Morgen
Die Nächte werden länger.
Luft und Klima immer strenger.
Gut gewachsen, doch nicht fett,
zurück ins Haus, ins Kuschelbett.
kehrt die Bande täglich glücklich
Noch scheint alles sehr erquicklich.

(von Rainer Morgenstern)


Siebenschläfer Teil II


Tage, Nächte, Sonne, Mond und Sterne
und das magische Auge der Moderne,
mit Kamera und Internet,
sehen gönnerhaft und gerne
was unsere Bilche treiben so adrett.
Gut geschützt, mit schönem Ausblick,
wetterfest vor jeder Böe,
hängt Siebenschläfers Hausglück
in der Bäume luftiger Höhe.

Wir aber sehen auch
ein Hin und Her
in diesem Haus.
Ein Kommen, Gehen, weiß nicht wer,
der Vater längst des Heims verwiesen,
lädt sie ein, mal den, mal diesen,
nun werd doch einer schlau daraus.
Doch bald wird sie auch das vergessen,
ihr Bäuchlein wächst und zwickt,
sie ist nur noch darauf versessen,
zu sehn, wies erste Kind die Welt erblickt.

Ob eins, ob zwei, auch drei und vier,
die Mutter kann's nicht wählen,
so richtig können doch nur wir
die rosanackten Babys zählen.
Sind daher ständig online auf der Hut,
ob die Geburt von eins bis X,
ob auch wirklich alles gut.
Jetzt sind es fünf, nein sechs, verflixt!

Füßchen, Schnäuzchen, Schwänzchen,
sie drängeln sich in Wellen,
nackt und rosarot, schon mal im Kränzchen,
sie dann drunter- drüber wandern,
suchen nur nach Nahrungsquellen.
Der Zähler kommt ins Schwitzen.
Endlich liegen einer nach dem Andern,
letztlich alle saugend an den Zitzen.

Nur leicht noch hin- und hergewuselt,
mal hier mal da den Platz getauscht,
bis alle satt und in den Schlaf geduselt,
doch Mammi hat da noch gelauscht,
ob alle Kleinen gut verdauen,
von vorhin noch benommen,
braucht nur der Zähler nicht mehr schauen,
denn online ist er noch auf märchenhafte sieben gekommen.

(von Rainer Morgenstern)

Foto: Torsten Hunger

Siebenschläfer (Teil I)

Aus finsterer Erde gut versteckt,
erwachen alle Wuschelgeister, 
nach sieben Monden mächtig abgespeckt,
werden sie sogleich zu Futtermeistern.

Eben noch vom Licht geblendet,
jetzt nur darauf bedacht,den Balg zu runden.
Ihr Leben sich von Traum in Wahrheit wendet,
Körper, Geist und Seele schnell gesunden.

Siebenschläferinnen Wettbewerb der Schönen,
bald schon hat begonnen.
Als Preis mit stärksten Genen,
das beste Männchen wird gewonnen.

Sei klug und stärk dich erst einmal,
den kleinen Bauch zu runden.
Nur so verführst du ihn, gar keine Wahl.
Schon hat er dich gefunden,

Mit schönem Körper, langem Wuschelschwanz,
betörst du seine Sinne,
beginnst den Hochzeitstanz.
Nach dessen Schluss das Bäuchleinrund gewinne.

Ihn wieder los zu werden, heißt das Ziel.
Er sollte zügig weichen,
sonst wird am End der Platz im Haus nicht reichen.
Es werden bald zu viel,
denn mit gewünschter Kinderzahl, so fünf bis zehn,
kann es mal schnell sehr eng zugehn.

Wer Zeit hat schaut bald wieder rein,
ob Familienplan und Platzgestaltung,
ob die Entwicklung froh und heiter,
wie mit dem Vater es wird sein,
da sehen wir dann weiter,
dank moderner Bildverwaltung.

(von Rainer Morgenstern)


Ein Käfer und ein „Siebenschläfer“

("Siebenschläfer" = hessische, lokale Apfelsorte)

Bei seinem ersten Futterflug durch vieler Bäume Zweigung
landet grad ein junger Krabbelkäfer
hungrig und mit tiefer Kopfverneigung
auf einem Siebenschläfer.

Erfreut ob dieses Gastes
bietet er sogleich
die Speisen, die er nehmen soll,
ganz oben, auf besonders schönem Zweig,
der mit frischem Grün schon voll,
dass er auch ja nicht fastet.

Ich will das Grün doch nicht,
leg Wert auf deine Früchte,
auf deren Saft bin ich erpicht,
trotz anders lautender Gerüchte.

Da muss ich dich enttäuschen,
muss dich bitten noch zu warten,
bis zum Erntedank die Glocken läuten.
Süße Frucht erst dann dich lockt in meinen Garten.

Viel zu spät, empört sich da der Käfer.
Wer hier so lange lungert,
mein lieber Siebenschläfer,
ist an Johannis längst verhungert!

Höflich, wie man hier zu Lande ist,
nimmt er das dargebotene karge Mahl.
Ohne Genuss er bitter lächelnd frisst,
der Baum versteht des Käfers andere Wahl.

Bin so frei,
schau dann später mal vorbei.
Hangelt vom zaghaft angenagten Blatt,
vom Zweig und von dem Baum,
klatscht den Siebenschläfer ab,
gleich ist er weg, man sieht ihn kaum.

Der Baum im Nachhinein noch grübelt
und denkt bis zum Beginn der nächtlich hoch verdienten Ruh,
ob der Käfer mir´s verübelt?
Doch was kann denn ich dazu,
dass Blatt und Blüten mir so spät sich zeigen
und sich erst an Martin Früchte leuchtend neigen.

Schon bald wirft Baum für Baum die Äpfel ab,
nur an meinen Früchten kann er spät noch naschen,
wenn längst alle Nahrung ist schon knapp,
kann er nur von meinen Zweigen etwas noch erhaschen.

Spät und lecker,
wie die Birnen in der von Ribbeck-Dynastie,
auch dieses Jahr, so köstlich wie noch nie,
du Krabbeltier, stell hurtig deinen Wecker.

Ob da der Käfer wohl drauf warten konnt,
der letzten Mond noch faul im Garten sonnt?

(von Rainer Morgenstern)