Palmsonntag

(Christian Morgenstern)

Kätzchen ihr der Weide,
wie aus grauer Seide,
wie aus grauem Samt!
O ihr Silberkätzchen,
sagt mir doch, ihr Schätzchen,
sagt, woher ihr stammt.

Wollen's gern dir sagen:
Wir sind ausgeschlagen
aus dem Weidenbaum,
haben winterüber
drin geschlafen, Lieber,
in tieftiefem Traum.

In dem dürren Baume
in tieftiefem Traume
habt geschlafen ihr?
In dem Holz, dem harten
war, ihr weichen, zarten,
euer Nachtquartier?

Mußt dich recht besinnen:
Was da träumte drinnen,
waren wir noch nicht,
wie wir jetzt im Kleide
blühn von Samt und Seide
hell im Sonnenlicht.

Nur als wie Gedanken
lagen wir im schlanken
grauen Baumgeäst;
unsichtbare Geister,
die der Weltbaumeister
dort verweilen läßt.

Kätzchen ihr der Weide,
wie aus grauer Seide,
wie aus grauem Samt!
O ihr Silberkätzchen,
ja, nun weiß, ihr Schätzchen,
ich, woher ihr stammt.


Bäume

(Eugen Roth)

Zu fällen einen schönen Baum,
braucht's eine halbe Stunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenk' es, ein Jahrhundert.


Die Wälder schweigen

(Erich Kästner)

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.

Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.                      

Nach oben


Unbekannte Bäume

(Ina Seidel)

Viel zu wenig kennen wir die Bäume,
die vor unserm Fenster stehn und rauschen.
Viel zu selten baun sich unsre Träume
Nester, um die Winde zu belauschen.

Und des Himmels Silberwolkenspiele
gehn vorüber, ohne uns zu trösten;
ganz vergessen haben wir so viele
Wunder, die das Herz uns einst erlösten.

Nach oben


Der Ahorn

(Ina Seidel)

Ich werde den Ahorn wiederfinden.
Einmal am Ende der Tage
Wird es sein, dass ich zu ihm sage:
„Ahorn, wo warst du so lang?“

Er ist alt und selig geworden,
Er nimmt mich in seine Äste,
Er wiegt mich im herbstlichen Neste:
„Kind, wo warst du so lang?“

Nach oben


Unsterblich duften die Linden

(Ina Seidel)

Unsterblich duften die Linden - was bangst du nur?
Du wirst vergehn und deiner Füße Spur
Wird bald kein Auge mehr im Staube finden.
Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn
Und wird mit seinem süßen Atemwehn
Gelind die arme Menschenbrust entbinden.
Wo kommst du her? Wie lang bist du noch hier?
Was liegt an dir? Unsterblich duften die Linden.

Nach oben


Die Birke

(Hermann Hesse)

Eines Dichters Traumgerank
Mag sich feiner nicht verzweigen,
Leichter nicht dem Winde neigen,
Edler nicht ins Blaue steigen.

Zärtlich, jung und überschlank
Lässest du die lichten, langen
Zweige mit verhaltnem Bangen
Jedem Hauche regbar hangen.

Also wiegend leis und schwank
Willst du mir mit deinen feinen
Schauern einer zärtlich reinen
Jugendliebe Gleichnis scheinen.

Nach oben


Baum im Herbst

(Hermann Hesse)

Noch ringt verzweifelt mit den kalten
Oktobernächten um sein grünes Kleid
mein Baum. Er liebt’s, ihm ist es leid,
er trug es fröhlich Monde lang,
er möchte es gern behalten.

Und wieder eine Nacht und wieder
ein rauer Tag. Der Baum wird matt
und kämpft nicht mehr und gibt die Glieder
gelöst dem fremden Willen hin,
bis der ihn ganz bezwungen hat.

Nun aber lacht er gold und rot
und ruht im Blauen tief beglückt!
Da er sich müd’ dem Sterben bot,
hat ihn der Herbst, der milde Herbst
zu neuer Herrlichkeit geschmückt.

Nach oben