Der Wert eines Vogels
(Frederic Vester)

Wer einmal das Glück hatte, ein Blaukehlchen zu sehen, wird die Begegnung mit diesem kleinen Vogel mit der leuchtend blauen Brust, die – je nach Herkunft – mit einem roten oder einem weißen „Stern“ geschmückt ist, sicher nie mehr vergessen. Begeistert berichtet der Wiesdorfer Arzt,  Ornithologe (und Jäger …) Dr. Peter Frey 1948 in seiner „Vogelfauna von Leverkusen“ vom weißsternigen Blaukehlchen, das er bis 1916 an der Wuppermündung beobachten konnte.
Vielleicht ist auch Frederic Vester, einer der Vordenker der Umweltbewegung, seinem Charme erlegen, als er es 1987  zur Hauptperson eines seiner Bücher mit dem Titel „Vom Wert eines Vogels“ machte:



Als einer der ersten sah er die  verheerenden Folgen unseres planlosen Draufloswirtschaftens ohne Berücksichtigung der Gesetzmäßigkeiten, die in unserer natürlichen Umwelt herrschen. Er war es, der den inzwischen längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommenen Begriff des "vernetzten Denkens" prägte.
In seinem Buch zeigt er am Beispiel des Blaukehlchens eindrucksvoll auf, was uns unser Vernichtungsfeldzug gegen die Arten „kostet“. Hier können Sie sein Zahlenspiel – Achtung: Es waren noch DM-Zeiten! - noch einmal nachvollziehen: Der „Materialwert“ eines Blaukehlchens beläuft sich auf einen Betrag von 3,1 Pfennigen, und setzt sich folgendermaßen zusammen:

Materialwert

"Material"Betrag
Skelett0,7 Pf                                          
Fleisch1,8 Pf
Blut0,1 Pf
Federkleid0,3 Pf
Mineralstoffe0,2 Pf

insgesamt          0,031 DM

Dann aber folgt der eigentlich interessante Teil seiner Rechnung: Bezieht man nämlich die Leistungen des kleinen Vogels im Naturhaushalt und für den Menschen wertend mit ein, sieht das Ergebnis ganz anders aus:

Leistungen für:

LeistungBetrag
Gemüt 30,00 DM                                       
Insektenvertilgung     60,00 DM
Pflanzung    20,00 DM
Warnrolle100,00 DM
Symbiose     36,50 DM
Bionik      1,60 DM
Erholung 12,00 DM
Artenvielfalt       8,00 DM
Polit. Entscheidung  0,50 DM
Umweltentlastung 10,00 DM
Finanzierung          3,00 DM
Regeneration       1,50DM
Gesamtstabilität   18,25 DM

insgesamt                         301,38 DM

Da dies eine 12-Monats-Rechnung ist, beträgt der Gesamtwert eines einzigen Blaukehlchens bei einer Lebensdauer von fünf Jahren 1.357,13 DM.

„Eigentlich dürfte man eine solche Rechnung über den Wert eines Lebewesens gar nicht machen“, sagt Vester am Ende seines Buches. Aber eines macht diese Rechnung ganz deutlich: Der kleine Vogel ist letztlich unbezahlbar, denn er ist nur ein einzelnes Individuum unter Milliarden von Tieren, die jedes für sich ihre Aufgaben in einem Ökosystem erfüllen.

Ob wir uns von ökonomischen Kosten-Nutzen-Überlegungen beeindrucken lassen, eher ökologisch-wissenschaftlich denken, ethische Betrachtungen in den Vordergrund stellen oder ganz einfach nicht wollen, dass das Blaukehlchen uns verloren geht, ist letzten Endes unwichtig, solange wir uns bewusst sind, dass „auch die unscheinbarsten Geschöpfe unter der Sonne ihren Wert im Gesamtgefüge haben“ (Vester)  und wir mit unserem tagtäglichen Handeln darüber bestimmen, wie lange der kleine Vogel seine Rolle im großen Na-turhaushalt noch erfüllen kann.

Ingrid Mayer