Die Feldlerche - Vogel des Jahres 1998

Wer hat ihn nicht schon einmal gesehen, den etwa sperlingsgroßen braunen Vogel der offenen Landschaft? Das Männchen trägt im Frühjahr sein Lied aus wirbelnden und trillernden Lauten über den Äckern und Wiesen unserer Heimat vor. Bedingt durch das Leben in der offenen Landschaft fehlen der Feldlerche exponierte Plätze wie Bäume oder Pfähle für ihren Balzgesang. Sie gleicht dieses Manko durch den Singflug, den sie mit Piepern und einigen Watvögeln gemeinsam hat, wieder aus. Während dieser Singflüge erreicht das Männchen Höhen von bis zu 100 Metern. Dort kreist das Männchen dann unterschiedlich lang über seinem Revier, um Weibchen anzulocken. Nach dem Singflug gleitet die Lerche dann fallschirmartig zur Erde zurück. Ein Gesang der Weibchen ist nur selten zu hören. Was für eine gewaltige Atemleistung für den verhältnismäßig kleinen Vogel! Wie die Lerche diese Doppelbeanspruchung aus energieaufwendigem Steigflug und gleichzeitigem Gesang vollbringt, konnte bisher noch nicht näher erforscht werden.

Die Lerche gehört in unseren Breiten zu den Teil- oder Kurzstreckenziehern. Dies bedeutet, dass einige der Lerchen aus dem nördlichen Teil Europas bei einsetzendem Winter in die Gebiete Mitteleuropas abwandern. So hat zum Beispiel die Beringung von Feldlerchen ergeben, dass die Vögel teilweise sogar aus Russland nach Mitteleuropa gelangen. Zugstrecken von 2000 Kilometern waren dabei keine Seltenheit. Der Rekord lag bei 3613 Kilometern. Drei besonders eilige Lerchen legten im Durchschnitt 810 Kilometer pro Tag zurück. Interessant ist, dass die Lerchen Englands die britischen Inseln nicht verlassen, sondern nur in diesem Bereich umherziehen. Die Feldlerchen erreichen ihre Brutgebiete meistens Ende Februar oder in der ersten Märzhälfte. Die Lerchen sind sehr brutorttreu. Man kann davon ausgehen, daß sie ihren Vorjahresbrutort wieder besetzen. Wenn die Tagesmitteltemperatur über 10º C gestiegen ist, beginnen die Weibchen mit dem Nestbau. Dies geschieht meistens im April. Durch Scharren, Drehen und Strampeln wird nur vom Weibchen eine Nestmulde auf der Erde angelegt. Nach 2 bis 8 Tagen liegt dann das erste Ei im Nest. Die Bebrütung von 11 bis 14 Tagen beginnt in der Regel mit der Ablage des letzten Eies. Die kleinen Lerchen erhalten in den ersten Lebenstagen nach dem Schlupf hauptsächlich Insektennahrung.

Als sogenannte flugunfähige "Hüpflerchen" verlassen sie zwischen dem 7. bis 12. Lebenstag das Nest. Ab dem 15. Tag werden dann die ersten Lerchen flugfähig. Es vergehen so ca. 35 Tage nach Nestbaubeginn bis sich die jungen Lerchen flügge in die Natur aufmachen. In unseren Breiten sind bis zu drei Bruten möglich. Bei kurz aufeinander folgenden Brutverlusten, wie zum Beispiel bei kaltem, nassem Wetter oder früher Mahd, ist es durchaus möglich, dass bis zu fünf Brutversuche unternommen werden.

Die Bestände der Feldlerche sind von sehr unterschiedlichen Bedingungen abhängig. So etwa von den vorherrschenden Wetterverhältnissen während der Brutzeit. So kann zum Beispiel ein kalter Regenguss Anfang Mai die gesamte lokale oder sogar regionale Population der Erstbrut vernichten. Als Bodenbrüter ist die Lerche besonders durch Beutegreifer wie Fuchs, Hermelin und Marder in der Brutsaison bedroht. Da nur die Weibchen brüten, sind diese besonders gefährdet.

Die Ursachen für den Rückgang der Feldlerche in der Bundesrepublik Deutschland sind in erster Linie bei der Nutzung von Feld- und Ackerflächen durch den Menschen zu suchen. Die Intensivierung der Landwirtschaft und die Veränderung der Landschaftsstruktur sind die Hauptgründe für den stetigen Rückgang unserer Feldlerche. In Leverkusen ist sie als Brutvogel schon fast verschwunden.

In Großbritannien hat beispielsweise ein Rückgang von 50 % bei der Lerchenpopulation die dort ansässigen Vogelschutzorganisationen veranlasst, sich näher mit dem Rückgang der Feldlerche zu beschäftigen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Auf der bundesdeutschen Roten Liste erscheinen außer der Feldlerche alle anderen bodenbrütenden Vogelarten, die eigentlich seit Jahrhunderten zum gewohnten Bild landwirtschaftlich genutzter Flächen gehörten. Als Charaktervogel kann die Feldlerche stellvertretend für alle in diesem Lebensraum vorkommenden Vögel angesehen werden. Es bleibt zu hoffen, dass der ehemaligen Kulturfolgerin Feldlerche, die heutzutage mit großen Problemen zu kämpfen hat, die Bio-Landwirtschaft zugute kommt. Denn wer sich noch an frühere Zeiten erinnern kann, als der Himmel noch voller Lerchengesang war, dem muss die heutige Stille über so manchen Flächen geradezu wehtun.