Die Kornrade (Agrostemma githago)

Blume des Jahres 2003

Der Bauer steht vor seinem Feld
Und zieht die Stirne kraus in Falten:
"Ich hab´ den Acker wohl bestellt,
Auf reine Aussaat streng gehalten,
Nun seh´ mir einer das Unkraut an,
Das hat der böse Feind getan!"

Da kommt sein Knabe hochbeglückt,
Mit bunten Blüten reichbeladen,
Im Felde hat er sie gepflückt,
Kornblumen sind es,
Mohn und Raden,
Er jauchzt: "Sieh, Vater, nur die Pracht!
Die hat der liebe Gott gemacht."

Der sächsische Pfarrer Julius Sturm (1816 - 1896) verfasste diese rührenden Verse, in denen er den Widerstreit zwischen wirtschaftlichem Denken und naiver Freude am Schönen so treffend zu Ausdruck bringt. Spätestens seit der Wahl der Kornrade  zur Blume des Jahres 2003 weiß man, zu wessen Gunsten dieser "Kampf" entschieden wurde. In ihrer Begründung weist die "Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen" auf den starken Rückgang dieser Art hin, sie wirbt für ihren Erhalt und damit für eine "historische Nutzungsweise der Ackerflächen/Ackerraine, die Vielfalt, Eigenart und Schönheit unserer Kulturlandschaft geprägt und visuellästhetisch bereichert hat."

Schaut man sich die Blume genauer an, kann man den "Knaben" verstehen. Die purpurrote Blüte ist durch die lang und spitz über die Kronblätter hinausragenden Kelchzipfel wie mit einem grünen Strahlenstern unterlegt. Jedes Kelchblatt zieren punktartig gezeichnete, auswärts ziehende Linien, die zusammen mit dem weißen Fäden der Staubblätter die bis zu 2cm große Blüte noch prächtiger erscheinen lassen. Die einjährige Pflanze, die von einen zottigen Härchenpelz überzogen ist, hat schmale, ganzrandige Blätter und kann eine Höhe von 50 bis 100cm erreichen. Sie ist lichtliebend und bevorzugt nähstoffreiche und regelmäßig (im Herbst) bearbeitete Standorte.

Seit dem frühen Mittelalter bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hat diese wunderschöne Blume, die wahrscheinlich aus dem Vorderen Orient stammt, in Zentraleuropa überleben können; Saatgutreiniger und massive Herbizideinsätze haben die "Kornrose" wegen ihres giftigen Wurzelinhaltsstoffs Saponin jedoch bis an den Rand des Aussterbens gebracht.

Anders als wie wohl bekannteren Ackerblumen (Mohn, Kornblumen) kann die Kornrade nicht auf Ruderalflächen ausweichen; wir können ihr aber in unseren Gärten einen Platz im Staudenbeet neben Ziergräsern und Storchschnabel anbieten, in unserer Stadt und bei unseren Bauern auf die Ackerrandstreifenprogramme oder auf ihre gute Eignung als Gründüngung hinweisen.

Für eine so schöne Blume, die vielen Schmetterlingsarten Nahrung bietet, und die uns Menschen seit Jahrhunderten begleitet und erfreut hat, müssen sich doch Räume finden lassen, die ihr ein Überleben möglich machen!

Waldtraud König-Scholz