Die Schwarzerle (Alnus glutimosa)

Baum des Jahres 2003

Als die „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“ bei der Wahl der Schwarzerle vor Rosskastanie und Walnuss den Vorzug gab, spielte ihre enorme Bedeutung für den Hochwasserschutz eine große Rolle. Die Schwarzerle hat nämlich die Fähigkeit, Wasser wie ein Schwamm aufzusaugen und so den Oberflächenabfluss des Niederschlagwassers zu verringern. Darüber hinaus sorgen ihre über 4 Meter langen Wurzeln für eine Stabilisierung der Uferböschungen, schützen so den Boden vor Erosion und ermöglichen die Ansiedlung weiterer Pflanzen.

Bedauerlich, dass sich der Mensch erst in Zeiten höchster Gefahr auf solche „Tugenden“ besinnt. Die früher in ganz Deutschland häufigen Erlenbruchwälder sind durch Entwässerung und Flurbereinigung auf so kleine Restbestände zusammengeschmolzen, dass diese Biotopform auf die Rote Liste gesetzt werden musste.

Die in Europa (Ausnahme: Mittel und Nordskandinavien) beheimatete Schwarzerle wirkt mit ihrer Höhe von 10 bis max. 30 Metern und einem Höchstalter von etwa 120 Jahren eher bescheiden und wenig imposant. Die in der Jugend grauglänzende Rinde dunkelt im Alter stark nach und wird zu einer rissigen, schwärzlichen Borke (daher der Name Schwarzerle). Die wechselständig angeordneten Blätter sind leicht gezähnt und dunkelgrün, eine Einbuchtung am Blattende lässt sie manchmal herzförmig erscheinen. Sie fallen im Herbst grün zu Boden, sind leicht zersetzbar und enthalten sehr viel pflanzenwichtigen Stickstoff.

Auffällig wird das Erscheinungsbild des Baumes eigentlich erst im Winter, wenn kleine, holzige Zäpfchen an den Ästen „baumeln“, die sich aus den dunkelroten, weiblichen Blüten entwickelt haben. Lange vor dem Laubausbruch blühen die männlichen Blütenkätzchen, die schon im August des Vorjahres ausgebildet werden. Die alte Legende, dass Erlen bluten, wenn man sie fällt, entstand vermutlich dadurch, dass die Schnittfläche eine kräftige Rotfärbung annimmt (daher der weitere Name „Roterle“). Die Widerstandskraft des Holzes, die sich durch Wässern noch erhöht, war den Menschen schon früh bekannt, und so wurden vor allem Wassertröge und Brunnenröhren daraus hergestellt. Viele europäische Pfahlbausiedlungen sind auf Erlenholz gebaut und angeblich soll ganz Venedig auf Erlenpfosten stehen. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts „entdeckte“ die Möbelindustrie den rötlichwarmen Ton und die schöne Maserung des Holzes, das sich wegen des geringen Fettgehalts auch gut beizen lässt. Da der rasch wachsende Baum bereits nach 20 bis 25 Jahren hiebreif ist und der vitale Stumpf häufig von selbst wieder austreibt, ist eine wirtschaftliche Nutzung ohne Raubbau möglich.

Auch als „Färbebaum“ spielte die Erle eine wichtige Rolle: die Blätter lieferten Grün, die Zweige Braun, aus der Borke erstellte man Schwarz zum Lederfärben und aus den Zäpfchen gewann man schwarze Tinte. Allerdings war die Schwarzerle den Menschen schon immer auch unheimlich. Ihre Vorliebe für feuchte Standorte an Flüssen, Bächen und vor allem Moorrändern und ihr „blutrotes“ Holz machten sie zum Geister und Hexenbaum, in dem die rothaarige Irle oder Else lebte und den Wanderer in den todbringenden Sumpf zog. Die Wolfdietrichsage aus dem 13. Jahrhundert und Sprichwörter wie „Rotes Haar und Erlenloden wachsen nicht auf gutem Boden“ verdeutlichen die Ängste ebenso wie Goethes Ballade „Erlkönig“ (der Begriff beruht allerdings auf einem Irrtum: Herder machte aus dem dänischen „ellerkonge“ (=Elfenkönig) den Erlenkönig).

Erlenweiber, Irrlichter und Nebelfeen sind längst aus unseren Alpträumen verschwunden, sie rufen höchstens noch ein wohliges Schaudern beim Lesen alter Märchen und Sagen hervor. Nicht verschwinden aber sollten ihre „Lebensbäume“ die Schwarzerlen. Diese Künstler der Anpassung an für andere Bäume eher ungeeignete Standorte könnten unsere ausgeräumten Agrarlandschaften, durch die sich langweilige Flüsschen und Bäche ziehen, wieder mit Leben füllen.

Waltraud König-Scholz