Die Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.)

Baum des Jahres 2005

„Schwarzschattende Kastanie, mein windgeregtes Sommerzelt“, so beginnt ein Gedicht von C.F.Meyer (1825-98), und alle, die an heißen Sommertagen schon einmal die Kastanienallee an der Wupper entlang spaziert sind oder in einem Gartenlokal gesessen haben, werden zustimmend nicken. Doch bevor der Baum uns mit seiner dichtbelaubten Krone den ersehnten Schatten spendet, hat er besonders den Augen schon viel geboten: Bereits im Winter präsentiert er sich mit glänzenden, prall gefüllten Knospen, die sich dann im Frühling öffnen und weiten, um einem wolligen Blättertrieb Platz zu machen, der wiederum zu einer länglich eiförmigen „Hand“ aus 5-7 gefiederten Blättern heranwächst.

Sofort nach der Blattentwicklung bringt der Baum Ende April oder Anfang Mai ein Meer aus großen kerzenartigen Blütenständen mit unzähligen weißen Blüten hervor, in deren Mitte ein gelber Farbtupfer ist. Nach kurzer Zeit verwandelt sich dieses Gelb in ein leuchtendes Rot; dieser Wechsel ist nicht nur dekorativ, sondern wirkt auf die anfliegenden Hummeln und Bienen wie eine Ampel: Da nur die gelben Blüten Nektar produzieren, wird der Insektenbesuch – und damit die Bestäubung – bei „Rot“ eingestellt. Nur kurze Zeit dauert die so verschwenderisch angelegte Blütenpracht, denn schon geht es weiter mit der Fruchtbildung. Der Baum kleidet seine Früchte in bis zu 6 cm große weichstachelige Kapseln, die im Herbst, wenn das Laub sich goldgelb färbt, zu Boden fallen und 1-3 glänzend braun-

 

rot gefärbte Kastanien aus ihrem „Bauch“ entlassen. Kinder sammeln diese bis zu 20g schweren Früchte auch heute noch so gerne wie schon ihre Ururgroßeltern. Trotzdem ist die Rosskastanie historisch gesehen ein noch junger Baum. Zwar war er vor der Eiszeit schon in ganz Mitteleuropa verbreitet, konnte auf dem Rückzug vor dem Eis jedoch nur in einem sehr kleinen Gebiet der Balkanhalbinsel überleben. Erst im 16. Jahrhundert gelangten Samen auf Umwegen über die Türkei an den Wiener Hof, wo 1576 Carolus Clusius, kaiserlicher Direktor der botanischen Gärten, die ersten Bäume pflanzte. Ende des 17. Jahrhunderts war dann die raschwüchsige Kastanie in ganz Europa angekommen. 

 

Ihren Beinamen verdankt die Rosskastanie wohl türkischen Pferdeknechten, die ihren Tieren bei Husten und Wurmbefall gehackte Früchte unter das Futter mischten und den Erfolg ihrer „Therapie“ weitergaben. Während das Holz des Baumes, der bis zu 2 m dick, 25-30 m hoch und 300 Jahre alt werden kann, wegen seiner geringen Festigkeit nur für kleinere Schnitzarbeiten geeignet ist, finden Rinde und Samen auch heute noch in der Naturheilkunde Verwendung. Der Wirkstoff Aesculin beispielsweise hat die Fähigkeit, ultraviolette Strahlen abzufangen und kann so – in Salben verarbeitet – vor Sonnenbrand schützen, während andere Extrakte vor allem bei Venenerkrankungen Wirkung zeigen.

Das Kuratorium „Baum des Jahres“ hat mit der Wahl der Rosskastanie einen der schönsten, bekanntesten und beliebtesten Stadt-, Park- und Alleebäume in den Mittelpunkt gerückt; ihre Lebenssituation beschrieb K.H. Waggerl (1897-1973) in seinem „Heiteren Herbarium“ wie folgt:

Wie trägt sie bloß ihr hartes Los in Straßenhitze und Gestank?

Und niemals Urlaub, keinen Dank!

Bedenke, Gott prüft sie ja nicht nur, er gab ihr auch die Rossnatur.

Lange Zeit schützte diese „Rossnatur“ den Baum auch vor den zusätzlichen Belastungen wie etwa Bodenverdichtung und Streusalzfuhren, seit etwa 10 Jahren jedoch fällt vielen Menschen auf, dass die Kronen ihrer Lieblingsbäume bereits im Frühsommer braun sind und die Bäume insgesamt krank wirken.

Ursache dafür ist die winzige Miniermotte (1984 in Mazedonien entdeckt), ein ausgesprochen verjüngungsfreudiger Kleinschmetterling, der wohl als „blinder Passagier“ auf Autobahnrastplätze und Bahnhöfe kam und sich von dort aus flächendeckend in Europa ausbreitete. Seine Larven minieren die Blätter in kreisförmig angelegten Gängen und können mehrere Jahre am Boden überdauern. Das Zusammenfegen des Falllaubs und dessen anschließende Vernichtung ist deshalb eine wirkungsvolle und umweltschonende, leider aber nicht ausreichende Gegenmaßnahme. Natürliche Fressfeinde sind nicht bekannt, und Meisen und andere Insektenfresser schaffen das Überangebot einfach nicht.

Sind auch bisher nur vereinzelt Bäume eingegangen, bleibt zu befürchten, dass die Rosskastanie nicht überleben kann. Hoffen wir, dass die Wahl zum „Baum des Jahres“ die Forschung animiert, noch intensiver an der Rettung dieses wunderschönen und vertrauten Baumes zu arbeiten.

Waltraud König-Scholz